Ein ferngesteuertes Plastikding. Dann ein Rasenmäher. Dann ein 1.400-Euro-Gerät, das in der BBC vorgestellt wird wie ein Raumschiff. Dann ein chinesisches Startup, das den gesamten Markt neu sortiert. Und heute: ein Roboter mit ausfahrbarem Greifarm.
Die Frage, die sich durch diese Geschichte zieht, ist immer dieselbe — wann hört ein Gerät auf, ein Werkzeug zu sein, und fängt an, wirklich für uns zu denken? Diese Antwort hat die Industrie 47 Jahre beschäftigt. Und sie ist noch nicht fertig.
1978: Ferngesteuerter Staubsauger, Nintendo Chiritorie
Ja, Nintendo. Das Unternehmen, das wenige Jahre später den GameBoy erfinden würde, brachte 1978 ein ferngesteuertes Reinigungsgerät namens Chiritorie auf den Markt. Auffangbehälter, drehbare Achse, Fernbedienung. Autonom? Kein bisschen.
Ohne Mensch am Steuer rührte sich der Chiritorie keinen Zentimeter. Aber das war nicht der Punkt. Der Punkt war: Jemand hatte sich ernsthaft gefragt, ob eine Maschine den Boden reinigen könnte und daraus ein Produkt gemacht. Der Gedanke war in der Welt. Er würde nicht mehr verschwinden.

1995: Autonomes Mähen vor dem autonomen Saugen, Husqvarna Automower
Bevor je ein Roboter eine Wohnung gesaugt hat, mähte er Rasen. Husqvarna brachte 1995 mit dem Automower den weltweit ersten vollautomatischen Rasenmäher auf den Markt — kein Joystick, keine Fernbedienung, kein Mensch dahinter.
Das Gerät fuhr einfach los und erledigte seinen Job. Für die Ingenieure, die zu dieser Zeit an Saugrobotern tüftelten, war das mehr als eine Kuriosität: Es war der Beweis, dass autonome Bodenreinigung im Maßstab funktioniert. Der Mähroboter hat nie eine Schlagzeile über die Saugroboter-Geschichte bekommen. Dabei hat er sie erst möglich gemacht.
1997 / 2001: Erster Saugroboter der Welt, Electrolux Trilobite (AEG)
Hier wird es ernst: Anders Haegermarck, Lars Kilström und Björn Riise entwickelten in Electrolux‘ Labors in Stockholm und Västervik einen vollautonomen Staubsauger — benannt nach dem urzeitlichen Meerestier, das einst den Meeresboden nach Nahrung absuchte. Die Namensgebung war kein Zufall: Der Trilobite sollte genau das tun, kriechen, kartieren, reinigen, ohne Anleitung.
1997 lief der Prototyp in der BBC-Sendung Tomorrow’s World über Bildschirme in ganz Großbritannien. Vier Jahre Feinschliff später, im November 2001, stand das fertige Gerät für umgerechnet 1.400 Euro in schwedischen Läden.

Sieben Jahre Entwicklung steckten darin. Technik: Ultraschall-Sensoren kartieren den Raum, das Gerät fährt zuerst die Wände ab, dann den offenen Bereich. Magnetstreifen am Boden markieren Verbotszonen. Für 2001 war das kein Haushaltsgadget — das war ein anderes Geräteparadigma.
AEG brachte den Trilobite auf den deutschen Markt. Ein schwedisches Forschungsprojekt wurde damit zum europäischen Produkt — und zum Startschuss für eine gesamte Industrie.
2002: Massenmarkt-Durchbruch, iRobot Roomba
Ein Jahr nach dem Trilobite kam der Roomba. Günstiger, schlichter, für jeden. Wo der Trilobite ein Premiumgerät für Technikenthusiasten war, wollte der Roomba in jeden Haushalt — und schaffte es. Bis 2012 wurden über 8 Millionen Einheiten verkauft.
2003 wurde der Roomba in die Robot Hall of Fame der Carnegie Mellon University aufgenommen, eine Auszeichnung, die bis dahin vor allem Science-Fiction-Maschinen vorbehalten war. Der Saugroboter war kein Luxus mehr. Er war ein Haushaltsgerät.
2010: Laser statt Ultraschall, Neato XV-11
Was Electrolux mit Ultraschall begonnen hatte, machte Neato Robotics 2010 mit Laser präzise. Der XV-11 war der erste Saugroboter mit LiDAR-Navigation — dieselbe Technologie, die ein Jahrzehnt später in selbstfahrenden Autos stecken würde.
Statt zufällig durch den Raum zu taumeln, kartierte der XV-11 systematisch und fuhr Bahn für Bahn. Sauber, schnell, berechenbar. LiDAR wurde zum neuen Standard — und kein relevanter Hersteller ist seither daran vorbeigekommen.
2016: China übernimmt das Steuer, Roborock / Xiaomi Mi Robot
2016 passierte etwas, das die westliche Industrie bis heute beschäftigt. Roborock — ein junges chinesisches Unternehmen, im Rücken Xiaomi — brachte den Mi Robot Vacuum auf den Markt. LiDAR-Navigation, Raumkartierung, App-Steuerung. Zu einem Preis, der Premiumgeräte aus Europa und den USA wie Auslaufmodelle wirken ließ.
Richard Chang, Roborocks Gründer, hatte vorher über 20 Marktführer-Modelle getestet und keines davon überzeugend gefunden. Also baute er sein eigenes. Ecovacs und Dreame folgten. Die Technologieführerschaft in der Saugroboter-Geschichte liegt seit diesem Moment in Asien — und der Vorsprung wird nicht kleiner.
2025: Saugroboter mit Greifarm, Roborock Saros Z70
Was 1978 mit einer Fernbedienung begann, läuft seit 2025 ohne jede menschliche Hand. Der Roborock Saros Z70 besitzt einen ausfahrbaren KI-Greifarm, der Gegenstände bis 300 Gramm selbstständig aufhebt — Socken, Spielzeug, Ladekabel. 3D-Sensoren, 22.000 Pascal Saugkraft, gleichzeitiges Saugen und Wischen.

Auf der CES 2026 zeigte Roborock einen Prototypen mit echten Laufbeinen. Die Frage, wann ein Gerät aufhört, ein Werkzeug zu sein, bekommt gerade eine neue Antwort.
2026: Das Comeback eines Pioniers, AEG Trilobite
Und dann schließt sich der Kreis. Über 25 Jahre nachdem AEG und Electrolux mit dem Trilobite den ersten Saugroboter der Welt in den Handel brachten, kehrt der Name zurück.
Nicht als Nostalgieprojekt — sondern mit Dual-Line-Laser, KI-Kamera, automatischer Teppicherkennung und Wischpads, die sich auf 10 Millimeter anheben, sobald der Roboter Teppich erkennt. Die vollautomatische Station entleert, befüllt, wäscht die Moppads mit heißem Wasser, trocknet sie mit heißer Luft. Fertig. Kein Eingriff nötig.

Was 1996 in einem Forschungslabor in Stockholm als Prototyp auf einem Rollenband über Bildschirme flimmerte, ist heute ein Serienprodukt, das sich selbst wartet. Der Trilobite ist zurück — und er erinnert daran, wo diese Geschichte wirklich begonnen hat.

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